Kommentar zu: „Alarmstufe beim Gas – wird Energie unbezahlbar?“ (ZDF: Maybrit Illner am 23. Juni 2022)

Die Besetzung der Diskussion bei Maybrit Illner ist zumindest vielversprechend gewesen:

  • Lars Klingbeil (SPD, Parteivorsitzender)
  • Christian Lindner (FDP, Bundesfinanzminister)
  • Monika Schnitzer (Wirtschaftsweise)
  • Klaus Müller (Präsident der Bundesnetzagentur)
  • Henrike Roßbach (Hauptstadtkorrespondentin „Süddeutsche Zeitung“)

Wobei man kann, sofort beginnen zu streichen: Eine Journalistin ohne fachspezifischen Schwerpunkt im Bereich des Energiehandels, Infrastrukturanalyse oder mit einem technisch relevanten Hintergrund bringt an sich keinen Mehrwert. Insbesondere wenn man zwei Spitzenpolitiker bereits eingeladen hat: Eine Übersetzung derer Aussagen beziehungsweise Zitate aus dem deutschen Pressespiegel sollte auch die Moderatorin und Gastgeberin Illner hinbekommen.

Interessant ist natürlich als Vertreter der Bundesregierung den Bundesfinanzminister Christian Lindner dabei zu haben – dieser kann auch nachvollziehbar die Ziele der Bundesregierung darlegen: Der SPD-Vorsitzende Klingbeil ist somit auch obsolet. Eine volkswirtschaftliche Perspektive kann Monika Schnitzer erbringen und auch die Akquirierung des Präsidenten der Bundesnetzagentur kann man als gute Wahl des Teams um Maybrit Illner bezeichnen.

Die deutsche Familie in der Krise: Die Inszenierung der Einigkeit als Form der informellen Pressekonferenz

Die politische Journaille zeigt in dieser Diskussion, dass sie ratlos nicht einmal elementare Recherchetätigkeiten zustande bringt. Man hat eine hochkarätige Runde zusammengestellt, die sich einig ist. Für ein Format wie eine Talk-Show ist das natürlich ein Armutszeugnis, da man sich im Endeffekt über alle Ziele und Mittel einig ist. Der Informationsgehalt der Sendung tendiert gerade einmal zu einer informellen Form von Pressekonferenz: Sie sucht die Einigkeit zu transportieren und die familiäre Tischrunde zu imitieren. Klingbeil und Lindner taugen hierbei zu den Eltern, Schnitzer und Müller sind die Onkel und Tante auf Besuch und die Korrespondentin Roßbach dient als Füllmittel oder Personifizierung der gehorsam lauschenden Bevölkerung.

Lindner taugt als glaubhafter Patriarch des Essenstisch der Familie Deutschland, Klingbeil als im Inneren sich sorgendes Mütterchen – der Onkel von der Bundesnetzagentur versucht positiv zu bleiben und nüchtern-realistisch die Lage darzustellen. Es ist ein Bild einer Familie in der Krise, die insgesamt zusammenhält und nicht auf die Idee kommt mit dem Lieferanten zu sprechen. Diese Form der Inszenierung scheint zu fruchten, sofern man sich diese Krise denn auch leisten kann.

Was die Alarmstufe beim Gas bedeutet, wie sich die aktuelle Gesetzes- und Wirtschaftslage zusammensetzt – welche Akteure im Detail arbeiten: Das möchte man gar nicht wissen oder versuchen zu beleuchten: Schließlich möchte man sich ja nicht an der Unfähigkeit aller an der Regierung beteiligten Parteien weiden, die als einzige Devise „Wir müssen sparen“ herausbringt und ein Stoßgebet nach dem anderen aussendet, dass die russischen Lieferanten bloß bald wieder einwandfrei und ohne Abstriche liefern. Dass der Verursacher der Energiekrise am Tisch sitzt, interessiert auch keinen mehr – es ist einfacher ein Feindbild eines Russland Putins zu skizzieren, welches dabei zusehen möchte, dass Europa und insbesondere Deutschland in eine unvorstellbar große Rezession verfällt und „friert für das Wohl der Ukraine“.

Mehr als Inszenierung kommt hierbei nicht herum: Denn inhaltlich bietet diese Sendung tatsächlich keinen echten Mehrwert an, der Gedanken anregt, neue Informationen vermittelt oder sonst auch eine Fortentwicklung bietet. All dies ist statisch und zeigt keine Handlungsdynamik an.

Meine Einschätzung: Wir warten bis der „Mann mit dem Koks“ da ist.

Dennoch gibt es wieder etwas zu diskutieren: Man sei ja erpressbar, man könne Putins Russland nicht vertrauen und auf die Einhaltung von wirtschaftlichen Verträgen hoffen – man muss sich ja unabhängig vom Despotenstaat machen, der die Ukraine in einen brutalen Krieg verwickelt habe. Das Vokabular bleibt weiterhin auf Krawall gebürstet, obwohl man gerade noch so in den Abgrund geblickt hatte und sich auf den Entfall jeglicher Energieträge aus der Russischen Föderation vorbereitet hatte. Verständlich ist das für mich nicht – man geht lediglich zum bisherigen Programm wieder über, welches mitunter die letzten Monate seit Beginn der russischen Militäroperation in der Ukraine bestimmt hatte.

Natürlich greife ich mit meiner Perspektive (Stand 24. Juli 2022) auf das Ergebnis vor: Erleichtert ist die deutsche Gesellschaft über das Fließen des Gases in Höhe von 30 % der maximalen Auslastung von Nord Stream 1. Aus allen freien Kanälen kann man dies wahrnehmen.

Ist damit die Energiekrise überwunden? Ist man plötzlich so unabhängig geworden, dass man wieder große Töne spucken könnte? Hat man für genug Ersatz gesorgt, die einem mittel- und langfristig mit genügend Energieträgern für Haushalte und insbesondere die Industrie und Wirtschaft allgemein bringt?  Die beschämende Antwort muss Nein lauten, wenn man ganz ehrlich zu sich ist und die unangenehme Wahrheit anerkennen möchte. Da aber große Teile der deutschen Gesellschaft an einem derartig defekten Erinnerungsvermögen leidet, ist die Wiederholung dieser Energieträger-Konflikte scheinbar etwas Neues und nicht Vorhersehbares.

In aller Ausführlichkeit lassen sich solche großen historischen Prozesse nicht über einen Kamm scheren – aber an einigen Beispielen lässt sich der Verlauf des Konflikts sehr gut darstellen, der auf Deutschland zugekommen ist: Der russisch-ukrainische Gasstreit (Verweis auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-ukrainischer_Gasstreit) handelt von nichts anderem als einem Konflikt zwischen dem Käufer und Verkäufer von Energieträgern.

Kurz zusammengefasst war die Ukraine unzufrieden mit den Konditionen, die es als Transitland von der Russischen Föderation erhalten hatte, und stellte in vielen Fällen einfach die Zahlung ein, zahlte geschuldete Rechnungen nicht und versuchte auch die vertraglichen Bedingungen noch im Laufe der Vertragsunterzeichnung unberechtigterweise zu ihren eigenen Gunsten zu verändern. Das resultierte regelmäßig in einen Lieferstopp durch Gazprom oder die bei der Verhandlung in Aktion tretende russische Regierung.

Leiden durften dabei benachbarte Länder (Bulgarien, Ungarn, Slowakei, die stark von russischen Energieträgern waren und/oder sind), vielfach musste die Europäische Union zur Hilfe eilen, finanzielle Hilfen organisieren oder den russischen Bären beruhigen. So hat sich die Ukraine insgesamt unabhängig von direkten Lieferungen aus der Russischen Föderation gemacht, aber zu dem Preis, dass diese Energieträge nun von der Europäischen Union an die Ukraine verkauft werden. Tatsächlich fließen die Ressourcen aber immer noch durch die gleichen Leitungen, nur die Europäische Union steht jetzt als Mittelsmann dazwischen, da sonst die Versorgungssicherheit wiederum regelmäßig in Frage gestellt wird durch das Verhalten der ukrainischen Regierung.

Ich empfehle dem geneigten Leser meines Kommentars das Lied „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ vom österreichischen Musiker Falco. In diesem Lied geht er auf den Berliner Gassenhauer wortwörtlich ein, der ebenfalls das Bezahlen des Kohlehändlers im ausgehenden 19. Jahrhundert thematisiert. Die Thematik war scheinbar so verbreitet und bekannt, dass das Grazer Tagblatt 1896 schon das Lied als moderne Tanzweise des Jahres 1884 bezeichnete. Falco bezieht dabei nur den Refrain des deutschen Stubenlieds:

Mutter, der Mann mit dem Koks ist da
Ja, mein Junge, das weiß ich ja
Mutter, der Mann mit dem Koks ist da
Ja, mein Junge, das weiß ich ja
Ich hab‘ kein Geld
Und du hast kein Geld
Wer hat den Mann mit dem Koks bestellt?
Ich hab‘ kein Geld
Und du hast kein Geld
Wer hat den Mann mit dem Koks bestellt?

Falco – Mutter, der Mann mit dem Koks ist da. (LInk)

Die folgenden Strophenzeilen sprechen für sich und drücken ganz genau aus, welche Misere die Politik, die Journalisten, aber auch die Experten in der Energieversorgung und Wirtschaftslenkung  nicht zu lösen oder zu lindern vermögen.

Die Menschen sehnten sich nach der Energie“,
Die ihnen das Koks lieferte
Doch für das Volk war der Stoff zu teuer

Falco – Mutter, der Mann mit dem Koks ist da. (LInk)